Interview mit Prof. DDr. Michael Welker

 

1.)  Wie ist die Verbindung mit dem Yale Center for Faith and Culture zustande gekommen? 

Ich bin mit Miroslav Volf seit der Tübinger Promotionszeit verbunden, wir haben immer wieder zusammen gearbeitet, wenn auch nicht stetig und intensiv. Uns beide verbindet das Anliegen, Theologie in einer global ausgerichteten interdisziplinären Forschungsgemeinschaft zu betreiben. Yale gehört zu unseren Partnern und so ist auch der Kontakt für die Konsultation zustande gekommen.

2.)  Sie haben bei der Konsultation mehrmals erwähnt, dass das Thema „flourishing life“ und „joy“ neue Perspektiven für die Theologie eröffnen kann? 

Ich habe bereits über viele theologische Begriffe gearbeitet, doch erst jetzt bin ich sozusagen genötigt gewesen das Thema „joy“ aufzugreifen. Die Beschäftigung mit dem klassischen neutestamentlichen Text zur Freude, dem Philipperbrief des Paulus, war für mich sehr aufschlussreich. Die Vielschichtigkeit der Freude bei Paulus zu entdecken war für mich auch eine spirituelle, eine persönlich bereichernde Erfahrung.

3.)   Sie arbeiten viel mit Pfingsttheologen zusammen und haben auch ein Buch über den Heiligen Geist geschrieben. Im Juni 2017 hatten wir bei unserem Studientag „Come, Holy Spirit“ u.a. Amos Yong, Pfingsttheologe aus Fuller Theological Seminary, mit dabei. Viele Kirchen leiden an Geistarmut – sehen Sie Felder, wo wir von Pentekostalen und Charismatischen Kirchen lernen können?

Definitiv können wir von pfingstlichen und charismatischen Kirchen lernen, gerade was die emotionale Seite des Glaubens betrifft (der Geist schenkt ja eben auch „Freude“). Ebenso bewirkt die Geistausgießung eine kritische Auseinandersetzung mit unserem bipolaren Denken. Wir pflegen fruchtbare Kontakte mit Pfingsttheologen und wir führen gemeinsame Tagungen durch, wo wir viel voneinander lernen. Es gibt eine neue Generation von pentekostalen Theologen, die stärker akademisch-theologisch reflektieren, was wir sehr begrüßen. Auch wenn der Frömmigkeitsstil der Pfingstkirchen nicht jedermanns Sache ist, sollen wir uns demgegenüber nicht verschließen.

4.)  Sie leiden an der Selbstsäkularisierung der Kirchen. Wie kann die Theologie aus Ihrer Sicht dem etwas entgegensetzen? 

Wir brauchen eine neue Begeisterung für eine inhaltlich ausgerichtete Theologie! Die alte Brücke zwischen Theologie und Philosophie ist zu erweitern durch exemplarische Dialoge mit Juristen, mit Naturwissenschaftlern, mit Ökonomen, etc. und zwar so, dass wir uns in diesen Dialog inhaltlich einbringen und ihn mit unserem Glaubenswissen bereichern. Wir haben hier große Versäumnisse in unserer theologischen Ausbildung, wir haben kaum mehr Vertrauen in unsere eigenen Glaubensinhalte.

Eine beglückende ökumenische Erfahrung war für mich die Gedächtnisvorlesung zu Johannes Paul II., die ich in Warschau hielt. Ich wollte mich von seinem individualistischem und modernistischem Geistverständnis in seiner Enzyklika „Dominus et vivificantem“ abgrenzen. Am Vortag wurde mir aber erzählt, dass Johannes Paul II. nach seiner Papstwahl auf dem Siegesplatz in Warschau 1979 folgenden Segen proklamiert hat: „Sende aus deinen Geist! Und erneuere das Angesicht der Erde! Dieser Erde!“ Als ich das gehört habe, wurde mir klar, dass dies genau meinem Verständnis der Pneumatologie entsprach. Das hat mich begeistert und ich begann meinen kritischen Vortrag umzuschreiben. Erst später fand ich heraus, dass diese Art von Theologie in der damaligen polnischen Regierung nicht erwünscht war. Sie war ihr zu freiheitlich und subversiv. Mit einer inhaltlich ernsthaften Theologie stößt man schnell auch an Widerstände und Grenzen. Genau das braucht es aber in der heutigen Theologie!