Rückblick auf die Tagung mit Prof. Richard Bauckham "Das Zeugnis und die Identität Jesu"

Am 28. September hat das Studienzentrum für Glaube und Gesellschaft gemeinsam mit dem CUSO (Conférence Universitaire de Suisse Occidentale) und der theologischen Fakultät Fribourg eine Tagung zum Thema "Das Zeugnis und die Identität Jesu" mit Prof. Richard Bauckham veranstaltet.  

Die Tagung

An der Universität Freiburg fand am 28. September 2017 eine Tagung mit Prof. Dr. Richard Bauckham zum Thema „Das Zeugnis und die Identität Jesu“ statt, an der bis zu 60 Personen teilnahmen. Professoren, Dozenten und Doktoranden von der Universität Fribourg haben die Vorträge von Bauckham in Form von „Responses“ kommentiert und so zu einer akademisch fruchtbringenden Diskussion angeregt (Dr. James Morgan, Prof. Dr. Thomas Schumacher, Dekan Prof. Dr. Luc Devillers, Pfr. François Rochat).

Augenzeugenberichte in den Evangelien

Bauckham sprach zu historischen und theologischen Fragen, die in der gegenwärtigen neutestamentlichen Wissenschaft weitgehend ausgeklammert und häufig als unwissenschaftlich deklariert werden. Schon die Apostolischen Väter des 1. und 2. Jahrhunderts wie etwa Papias von Hierapolis haben den apostolischen Zeugnischarakter der Evangelien hervorgehoben. Der Evangelist Markus habe etwa Berichte von Petrus in sein Evangelium aufgenommen. Dieses „traditionelle Paradigma“ des apostolischen Zeugnisses wurde in der neuzeitlichen Kritik seit der Aufklärung durch das „moderne Paradigma“ abgelöst, das die historische Glaubwürdigkeit der evangelischen Botschaft weitgehend bestritt. Bauckham plädiert für einen dritten Weg: Das traditionelle Paradigma könne mittels der modernen historisch-exegetischen Methoden argumentativ untermauert werden. So gebe es beispielsweise im Markus Evangelium Hinweise auf Augenzeugenberichte durch Petrus, der stets eine dominierende Rolle im Evangelium spielt. Doch ebenso treten einzelne unscheinbare Personen im Evangelium als mögliche Augenzeugen auf. Diese mit Namen genannten Personen waren aller Wahrscheinlichkeit nach Christen, die den Gemeinden bekannt sein mussten und daher auf ihr Zeugnis hin befragt werden konnten (so etwa die namentlich genannten Frauen unter dem Kreuz).

Historische Argumente für eine christliche Apologetik

Mit dem Hinweis auf die Augenzeugenschaft sei zwar noch nicht die Historizität biblischer Berichte bewiesen – historische Beweise gebe es in den Geschichtswissenschaften ohnehin keine (Bauckham ist von Haus aus Historiker) – doch die Evangelien bieten gute Argumente für die historische Plausibilität ihrer Erzählungen. Bauckhams Ansichten wurden zum Teil im Plenum kontrovers diskutiert, was zur kritischen Auseinandersetzung mit diesen Fragen anregte und deutlich machte, wie umstritten solche Thesen in der Theologie sind. Bauckham betonte dabei: „Historische Wissenschaft dient nicht der Apologetik, aber es gibt historische Argumente für eine christliche Apologetik.“

Göttliche Identität in Christus

Am Nachmittag ging es um die göttliche Identität Jesu im Kontext des jüdischen Monotheismus. Zur Treue Gottes gehöre die Kontinuität seines Heilswillens zu Israel im Besonderen und zur Schöpfung im Allgemeinen über alle Gebrochenheiten irdischer Existenz hindurch. In Jesus Christus komme die Treue Gottes sowohl im Was seines Wesens („nature“) als auch im Wer seiner Person („identity“) in Reinform zum Ausdruck. So wurde die Göttlichkeit Jesu Christi nicht erst in den christologischen Dogmen späterer Jahrhunderte behauptet, sondern lag bereits dem Zeugnis der Evangelien zugrunde. Dies wurde auch nicht als Widerspruch zum strengen jüdischen Monotheismusgebot gedeutet. Beendet wurde die Tagung wiederum mit tiefschürfenden Diskussionen über das Verhältnis der Christologien aus biblischer und aus altkirchlicher Perspektive des 4./5. Jahrhunderts.

Anregende Diskussionen

Die Tagung wurde gemeinsam mit und unter der Leitung von Prof. Dr. Franz Mali (Patristik und Geschichte der Alten Kirche an der Universität Fribourg) und seinem Doktoranden Pfr. François Rochat organisiert. Die breite Beteiligung von Fribourger Dozenten zeigt die wachsende Verbundenheit und fruchtvolle Zusammenarbeit zwischen der Uni Fribourg und dem Studienzentrum. Bauckham war zudem von den vielfältigen Projekten des Studienzentrums begeistert und zeigte Bereitschaft sich auch in der Zukunft an Tagungen des Studienzentrums zu beteiligen. Die kontroversen und zugleich anregenden Diskussionen während und im Anschluss der Tagung signalisieren den wachsenden Bedarf ungewöhnliche aber bedenkenswerte Thesen stärker in den akademischen und öffentlichen Diskurs einzubringen. Die hohe Teilnehmerzahl an der Tagung bestätigt diese Sicht.

 

 

PROF. RICHARD BAUCKHAM ist bekannt für seine Arbeit zur Geschichte der Entstehung des Neuen Testaments, vor allem des Johannesevangeliums und der alten Christologie. Sein Werk «Jesus and the eyewitnesses» hat die Hegemonie der Formgeschichte in Frage gestellt und das «Zeugnis» sowie die Bedeutung von «Augenzeugen» neu thematisiert. Zudem entwickelte Richard Bauckham in seinem Buch «Jesus and the God of Israel» eine «Christologie der göttlichen Identität» und eröffnete dadurch neue Perspektiven für die Auseinandersetzung mit der Christologie.

Flyer