Interview mit Prof. Joachim Negel (Direktor des ökumenischen Instituts)

Was erwarten Sie als Direktor des ökumenischen Instituts vom Studienzentrum für Glaube und Gesellschaft und wieso ist dieses Studienzentrum wichtig? 

Der Name eures Studienzentrums ist nicht zufällig gewählt. Als Studienzentrum unter dem Dach eines Ökumene Institutes bedenkt das Zentrum die Schnittstelle von Glaube und Gesellschaft. Damit übernimmt dieses Zentrum eine ausserordentlich wichtige Funktion, gerade auch im ökumenischen Bereich. Denn so sehr die grossen ökumenischen Fragen ekklesiologischer Art, sakramententheologischer Art, amtstheologischer Art und kirchenrechtlicher Art weiterhin in Geltung stehen und gelöst werden müssen, gibt es ein Problem, welches alle Kirchen dieser Welt betrifft. Es ist die Frage, wie man in einer Zeit, in der man – angesichts von Phänomenen wie Naturalisierung, Ökonomisierung, Historisierung und Psychologisierung des Denkens – von der Verdunstung des Glaubens spricht, den Glauben an einen Gott, der nicht auf den Menschen reduzierbar ist, bekennen und begründen kann. Das ist eine Frage, die alle drei grossen Denominationen (katholische, orthodoxe und evangelische Kirche) hier in Europa und im Bereich der nördlichen Welthalbkugel gleichermassen betrifft. Das SZGG leistet an dieser Stelle im pastoraltheologisch nahen Bereich eine wichtige ökumenische Vermittlungsarbeit.

Am 6. Dezember 2017 wurde unter dem Dach des ökumenischen Instituts ein neues Studienzentrum für das Studium der Ostkirchen eröffnet. Welche Aufgaben übernimmt dieses Zentrum und wo sehen sie die Chancen und Möglichkeiten eines solchen Zentrums?

In einer gewissen Weise spielt auch dieses Studienzentrum ins Problemfeld, das ich soeben beschrieben habe, mit hinein. Die orthodoxen Kirchen in Westeuropa leben in einer Welt, die nicht unmittelbar die ihre ist. Sie haben ihre Heimat in den südosteuropäischen und osteuropäischen Staaten sowie im Nahen und Mittleren Osten. Sie verstehen sich in weiten Teilen als Nationalkirchen und sind deshalb mit ihren Nationalkulturen elementar verschränkt. Hier in der Schweiz und in Westeuropa leben sie in der Diaspora, es mag eine bedeutende Diaspora sein aber eine Diaspora gleichwohl. Wie also können sie als orthodoxe Kirchen in einer Kultur, die nicht unmittelbar die ihre ist, ihr Profil nicht nur wahren und weiterentwickeln, sondern im Gespräch mit der Kultur in der sie leben, etwas über sich selbst erfahren. Orthodoxe Kirchen wollen sich selbst in der Diaspora neu kennenlernen und gerade deshalb suchen sie den Kontakt zu nicht orthodoxen Fakultäten wie es die theologische Fakultät der Universität Fribourg ist.

Sie sind nicht nur Direktor des ökumenischen Instituts, sie dozieren auch bei unserem CAS „Grundfragen christlicher Existenz“. Wie haben sie den Kurs bis jetzt erlebt?

Ich erlebe den Kurs als ausserordentlich erfreulich! Die Teilnehmenden haben einen regelrechten Hunger zu erfahren, was christlicher Glaube nicht nur in der persönlichen Existentialität bedeutet, sondern was er reflexiv bedeutet. Christlicher Glaube muss auf die eigene Existenz reflektieren, und das versucht der Kurs zu leisten, und so wie ich im Moment den Eindruck habe, gelingt uns das in einer erstaunlichen Weise.