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Dario Colombo: Allmacht und Ohnmacht – Eine theologische Replik auf Hartmut Rosa [28.01.2021]


Hartmut Rosa analysiert unsere spätmoderne Gegenwart: Wir leben in einer Gesellschaft, die alles daransetzt, die Welt verfügbar zu machen. Dies zeigt sich an der Tendenz, alles erkennbar, sichtbar und erreichbar machen zu wollen, es unter Kontrolle zu bringen und schließlich nutzbar zu machen. Deshalb hat Geld in unserer Gesellschaft einen so hohen Stellenwert. Je mehr ich davon habe, desto schneller und einfacher kann ich mir die Welt verfügbar machen. Die Wirtschaft dient dem Geldverdienen und der Auftrag der Politik besteht darin, die Verfügbarmachung der Welt zu regeln. Was in dieser Mentalität jedoch verloren geht, ist eine Konzeption von Lebensqualität. Selten wird mehr die Frage aufgeworfen, ob sich die Verfügbarmachung wirklich lohnt. Der Wirtschaftsethiker Peter Ulrich schreibt entsprechend: „Längst geht es in der Wirtschaftspolitik kaum mehr darum, mittels sinnvoll ausgewählter wirtschaftlicher Produktion die ganzheitliche Lebensqualität der Menschen zu verbessern, sondern vielmehr darum, den Absatz beliebiger Waren und Dienstleistungen zu steigern“ (Ulrich, 2016, 236). Dies zeigt sich besonders deutlich in der Coronakrise. Diskutiert wird meist nur, ob Maßnahmen der Wirtschaft schaden oder nicht. Selten werden Argumente vorgetragen, welche auf den gemeinschaftlichen Aspekt abzielen. Die Wirtschaft muss in Gang gehalten, die Gemeinschaft hingegen kann auf ein Minimum beschränkt werden. Es scheint offensichtlich: In unserer Gesellschaft regiert der Homo oeconomicus, für das Animal sociale gibt es nur wenig Platz.


Dieser Einseitigkeit gesellt sich eine andere hinzu: Der Homo oeconomicus hat in den letzten Jahren die Wichtigkeit der Gesundheit erkannt, denn: arbeiten kann nur, wer gesund ist. Oder vielleicht umgekehrt? Dient die Arbeit letztlich nur der Gesundheit? Diese „spätmoderne Überzeugung“ bringt der Psychiater und Theologe Manfred Lütz in seiner Kritik der Gegenwartskultur prägnant auf den Punkt: „Der gesunde Mensch und der Mensch, der noch gesund werden kann, ist der eigentliche Mensch“ (Lütz, 2013, 17). Vielleicht geht es sogar um eine gegenseitige Abhängigkeit? Es wird gearbeitet, um die Gesundheit zu erhalten und man muss gesund sein, um zu arbeiten – ein nie aufhörender Teufelskreis? Es scheint, als hätte sich die Gesellschaft – nachdem Friedrich Nietzsche den Christenmenschen vorgeworfen hat, sie seien dermaßen auf das Jenseits fixiert, dass sie das Diesseits vergessen (vgl. Nietzsche, 2017, 32) – nun so stark im Diesseits verloren, dass dabei etwas anderes aus dem Blickfeld geraten ist: Die Lebensqualität, oder wie es Lütz formuliert: die Lebenslust. Zwei Dinge aus der alltäglichen Erfahrung bestätigen diese These. Zum einen die allgegenwärtigen Sprüche: „das Wichtigste ist doch die Gesundheit“; „Hauptsache gesund“; hinzu kommt der scheinbar einzige Wunsch auf Gruß- und Geburtstagskarten: „Ich wünsche dir gute Gesundheit“ usw. usf. Zum andern die ebenso allgegenwärtige Rede von einer „Work-Life-Balance“. Damit wird angedeutet, dass wirkliche Lebensqualität gerade nicht in der Arbeit (work), sondern nur im „Leben“ (life) gefunden wird, wobei letzteres ersteres eben ausbalancieren muss. Damit wird das „Leben“ reduziert auf Freizeit und Ferien, die eigentlich einen sehr kleinen Teil der verbrachten Lebenszeit ausmachen. Kommt hinzu, dass die Hoffnungen des 20. Jahrhunderts darin bestanden, weniger zu arbeiten und mehr Zeit zum „Leben“ zu haben. Selbst heute, wo „weniger arbeiten“ ökonomisch machbar wäre, wurde diese Hoffnung nirgends bereits realisiert (vgl. Skidelsky, 2014, 29–63). Irgendetwas scheint schief zu laufen!


Woran könnte es liegen, dass unsere Gesellschaft mehr Lebensqualität zu erreichen sucht, aber sie nicht erreicht? Rosa beantwortet diese Frage in seiner Monographie Resonanz, eine Soziologie der Weltbeziehungen damit, dass der Gesellschaft eine einheitliche Konzeption von Glück bzw. von Lebenssinn und Lebensfülle fehlt. Aufgrund dieses Mangels besteht die einzig sinnvolle Alternative darin, die eigene Ressourcenausstattung zu verbessern, d.h. Geld zu verdienen: „Da sie nicht sicher sagen können, was ein gutes Leben ist, welcher Konzeption von Glück sie folgen wollen und welches ihr innerer Kern oder ihr inneres Maß ist, sind sie nachgerade dazu gezwungen, sich auf ihre Ressourcenausstattung zu konzentrieren“ (Rosa, 2019, 44f). Weil nicht sicher gesagt werden kann, was Lebensqualität und Lebensfülle bringt, wird die Ressourcenlage optimiert, damit man sich Lebensqualität und Lebensfülle erwerben kann, wenn man dann weiß, worin sie bestehen.


Verbindet man diese Analyse mit der von Rosa vorgetragenen Spannung von Allmacht und Ohnmacht, ergibt sich eine erschreckende Schlussfolgerung: Nicht nur wird der Traum von der vollständig verfügbaren Welt zum Albtraum der vollkommen toten Welt, weil diese zum leblosen Objekt gemacht wurde; es wird auch klar, dass sich unsere wirtschaftlichen, politischen und gesundheitlichen Systeme genau in diese Richtung bewegen: Sie werden – wenn das bisher Gesagte stimmt – den westlichen Traum notwendig und zunehmend in einen Albtraum verwandeln. Denn offensichtlich gelingt es der Gesellschaft nicht, ein „gemeinsames Gut“, eine „gemeinsame Lebensfülle“ oder einen „gemeinsamen Lebenssinn“ zu bestimmen – und es gibt wenig Anzeichen dafür, dass sich daran etwas ändern wird. Also wird die zunehmende Verfügbarmachung zur einzigen Option.


Gegenprojekte sind gefragt: Es braucht eine Resonanztheorie von Hartmut Rosa, es braucht eine Ökonomie der Lebensfülle, wie sie Peter Ulrich vertritt, es braucht ein Überwinden der Unersättlichkeit, wie es Robert und Edward Skidelsky fordern, und es braucht die Lebenslust, von der Manfred Lütz spricht. Die Frage ist jedoch, ob alle diese Vorschläge ausreichen, um wirklich etwas zu verändern. Nietzsches Vorwurf war die Jenseitsverbissenheit der Christen und damit hatte er wahrscheinlich recht. Eine Glaubensgemeinschaft, die sich zu sehr auf das Jenseits fokussiert und dabei das Diesseits vergisst, ist für die Welt keine große Inspiration. Das Gegenteil einer Diesseitsfokussierung ist der Welt jedoch keine größere Hilfe. Die Fixierung auf das Diesseits ohne einen tragenden, jenseitigen Grund ist im wahrsten Sinne des Wortes hoffnungslos. Eine solche Gesellschaft wäre dazu verdammt, die Welt zunehmend verfügbar zu machen. Denn ohne einen tragenden, jenseitigen Grund gibt es nicht nur faktisch keine gemeinsamen Konzeptionen eines guten Lebens, sondern es kann auch ontologisch nicht von einem guten Leben gesprochen werden. Übrig bleibt, was individuell für das Wahre, Schöne und Gerechte, d.h. was für das Gute gehalten wird; und eben dies befeuert die individuelle Verfügbarmachung der Welt. Am Ende bleiben nicht Glaube, Hoffnung und Liebe, sondern nur der Wille zur Macht. Dem Machtmenschen werden Resonanz, Lebensfülle, Genügsamkeit und Lebenslust weichen müssen: Der Traum vom gelungenen Leben wird zum Albtraum – die Folge wird die Abschaffung des Menschen durch Nietzsches „Übermenschen“ sein.


Rosa hat zwar Recht: „Eine bessere Welt ist möglich, und sie lässt sich daran erkennen, dass ihr zentraler Maßstab nicht mehr das Beherrschen und Verfügen ist, sondern das Hören und das Antworten“ (Rosa, 2019, 762). Aber damit diese Hoffnung berechtigt ist, muss jemand sprechen …



Verwendete Literatur


- Lütz, Manfred, Lebenslust. Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult. München 2013.

- Nietzsche, Friedrich, Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums. Hamburg, 72017

Rosa, Hartmut, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin 2019 [2016].

- Skidelsky Robert; Skidelsky, Edward: Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens. München, 22014.

- Ulrich, Peter: Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie. Bern 52016.



Zum Autor


Dario Colombo, MTh, ist Diplomassistent am Lehrstuhl für Dogmatik, Theologie der Ökumene an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg.


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Walter Dürr: Weihnachten - Gott kommt uns nahe [22.12.2020]


Wie soll das gehen? Im Jahr der Corona-Pandemie? In einer Zeit, wo man Kontakte reduzieren und soziale Distanz wahren soll. Aber eigentlich würde doch christliche Nächstenliebe heißen, sich umeinander zu kümmern, sich nahe zu kommen, gerade auch demjenigen, der unter die Räuber gefallen ist…


In der gegenwärtigen Krise konnten wir die Ambivalenz des technologischen Fortschrittes „hautnah“ erleben: Begegnungen, Treffen und Tagungen fanden via Zoom, Skype oder MS-Teams statt – virtuell. Dies alles hat großartige Möglichkeiten eröffnet, auch gerade für uns als Studienzentrum. Nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit den Studientagen 2020, die als Online-Initiative „wachet und betet“ stattfand oder die im Herbst lancierte Medienplattform „Glaube & Gesellschaft“.


Doch zugleich wurde uns schmerzlich bewusst, dass da doch noch etwas Wichtiges fehlt. Im Internet können wir zwar Distanzen schon irgendwie überwinden. Aber, so schreibt Martin Heidegger mit Recht:


„Das hastige Beseitigen aller Entfernungen bringt keine Nähe; denn Nähe besteht nicht im geringen Maß der Entfernung. Was streckenmäßig in der geringsten Entfernung zu uns steht, durch das Bild im Film, durch den Ton im Funk, kann uns fern bleiben. Was streckenmäßig unübersehbar weit entfernt ist, kann uns nahe sein. Kleine Entfernung ist nicht schon Nähe. Große Entfernung ist noch nicht Ferne.“


Wir sind nicht virtuelle, sondern fleischliche Wesen, und wir brauchen leiblichen Kontakt und Kommunikation. Die virtuelle Sphäre erweitert aber ersetzt nicht die leibliche Begegnung. Und darum ist auch die gute Nachricht – Gott wird Mensch, einer von uns, einer den man sehen, hören und berühren konnte (vgl. 1 Joh 1,1) – wirklich ein Evangelium: Wir sind nicht allein! Immanuel, der Gott mit uns, kann auch dieses Jahr erfahrbar werden, trotz Distanz und Schutzmaßnahmen. Wenn wir also ins Antlitz unserer Kinder, unserer Nachbaren oder derer die unter die Räuber gefallen sind blicken, dann machen wir die urmenschliche Erfahrung einer Begegnung mit dem Du, und darin begegnen wir dem Herrn selber. Solche Geschenke sind ganz menschlich und ganz göttlich zugleich. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“ – so singen viele von uns alljährlich Georg Weissels Adaption von Psalm 24: „Erhebt, ihr Tore, eure Häupter, erhebt euch, ihr uralten Pforten, dass einziehe der König der Herrlichkeit“ (Ps 24, 7.9) – dieser König der Herrlichkeit will uns nahe kommen und in der Niedrigkeit unseres Menschseins uns begegnen.

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