DIE PEST

Aktualisiert: Sept 7

Eine der verheerendsten Pandemien der Weltgeschichte war die Pestwelle in den Jahren 1346-1353. Schätzungen zufolge kostete sie einem Drittel der europäischen Bevölkerung das Leben. Sie hatte gewaltige soziale und kulturelle Auswirkungen. Ein Beitrag von Gregor Emmenegger.


David Neuhold: Die Pest damals, und heute? – Kommentar


Heute noch findet sich das Wort der „Pest“ in unserem Wortschatz. „Stinken wie die Pest“ oder „Meiden wie die Pest“ bezeichnen adverbiale Superlative. Die „Wahl zwischen Pest und Cholera“ zu haben ist auch nicht schön – aber wenn, dann würde man doch heute gerne letzteres in Anspruch nehmen. Einfache Infusionen verhelfen bei der Cholera schon oft Abhilfe.


Was da Mitte des 14. Jahrhunderts in unseren Breiten geschehen ist, das ist nur schwer zu fassen. Kirchengeschichte ist immer auch angehalten, auf die Schwachen, Kranken und „Verlierer“ zu blicken. Von diesen gab (und gibt) es genug, und so viele Tote! Das Gesetz der Endlichkeit wurden den Menschen deutlich vor Augen geführt, wie Gregor Emmenegger es gut darstellt und aufzeigt. In eindrücklicher Weise wird erwähnt, wie die Menschen nach all den Massengräbern ihrer Zeit das Bedürfnis nach einem persönlichen Grabstein fühlten und umsetzten.


Kann die heutige Corona-Krise mit der Geißel der Pest verglichen werden? Es ist eine schwierige Frage. Historische Vergleiche sind stets wackelig, nahe einem Hangrutsch. Wenn wir uns aber heute mit Pandemien wie der Pest beschäftigen, dann ist eine solche Verknüpfung schon implizit hergestellt. Eine Gemeinsamkeit ist sicher darin zu sehen, dass lineare Geschichtsvorstellungen unterbrochen wurden. Das von Emmenegger gebrachte Quellenbeispiel aus dem 14. Jahrhundert, wo ein Vater seine Kinder beerdigen musste, macht dies mehr als deutlich. Das geht unter die Haut. Schon Cicero sagte sinngemäß, dass es das Schlimmste sei, wenn Eltern am Grabe ihrer Kinder stehen. Aber ein Bruch der Linearität ist auch heute gegeben. Neben den Toten, die Menschen in Bergamo und anderswo besonders zu beklagen haben, wurde uns das z.B. mit einem einfachen Blick zum Himmel deutlich: Für unser Leben wichtige Verbindungslinien wurden gekappt, Kondensstreifen verschwanden.


Emmenegger spricht einerseits historisch von der Auflösung von Solidargemeinschaften und dem verheerenden Druck auf Minderheiten, andererseits von wirtschaftlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen und spirituellen Impulsen, die diese Krise hervorgebracht hatte. Vielleicht kann uns eine historische Analyse motivieren, sich auch heute für eine humanere Welt einzusetzen – damit das Leben aller zu einem gelungenen Gemälde werden kann…



David Neuhold ist habilitierter Kirchenhistoriker und arbeitet an den Universitäten Fribourg und Zürich.

411 Ansichten

KONTAKT

Studienzentrum für Glaube und Gesellschaft

Institut für Ökumenische Studien / 

Universität Fribourg

Av. de l'Europe 20, CH-1700 Freiburg

+41 (0)26 300 74 25

glaubeundgesellschaft@unifr.ch